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Restwerte

 

Restwerte

Restwerte mindern den Schaden, durch Veräußerung nicht wiederverwertbare Baureste.
Für den Versicherungsnehmer ist dies in der Bilanz neutral, weil er ja den Veräßerungsgewinn der Baureste erhält.
Bei der Ermittlung des Zeitwertes werden die Restwerte nicht abgemindert, Restwerte reduzieren den Neuwertschaden wie den Zeitwertschaden gleichermaßen.
Restwertgewinnungskosten reduzieren den Restwert. Beispiel: nach einem Brand enthält das Gebäude nicht wiederverwendbare Stahlträger, die im Verkauf 1.000,00 € frei Hof des Schrotthändlers bringen. Der Transport kosten 100,00 €, ist gewissermaßen die Gewinnung des Restwertes und reduziert den Restwert auf 900,00 €.
In der Gutachten- und Regulierungspraxis haben sich Relikte aus alten Zeiten gehalten, die den Versicherungsnehmer, insbesondere bei gewerblichen Risiken, stark benachteiligen können.
Das Problem liegt in der parallelen Anwendung und Vermischung alter und aktueller Allgemeine Feuerversicherungs-Bedingungen (AFB).
Nachfolgend soll der Begriff "Restwerte" in den unterschiedlichen Fassungen der Allgemeinen Feuerversicherungs-Bedingungen dargestellt werden.

AFB 30

Die AFB 30 aus dem Jahre 1930 definiert:
 § 3 Ersatzwert, Unterversicherung
(1) Die Versicherung darf nicht zu einer Bereicherung führen. Maßgebend für die Entschädigung ist der Versicherungswert zur Zeit des Eintritts des Schadensfalles (Ersatzwert), und zwar bei beschädigten Sachen der Unterschied zwischen diesem Wert und dem Wert der Reste, bei dessen Ermittelung die Verwendbarkeit der Reste für die Wiederherstellung zu berücksichtigen ist. ...
(Prölss/Martin/Kollhosser AFB30 3, beck-online)
 Dies Definition hat sich gehalten bis zum Erscheinen der AFB 87; noch in der Fassung der Allgemeine Feuerversicherungs-Bedingungen  (AFB 30- Fassung 12/1986) von 1986 ist § (1) im gleichen Wortlaut enthalten.

AFB 82 (Entwurf 4 - Okt. 1983)

Die Änderungen in den Bedingungen AFB 87 wurde mehrere Jahre in der Versicherungswirtschaft und in den interessierten Kreisen diskutiert (z.B. Prof. Dr. Norbert Horn, "Die Allgemeinen Feuerversicherungsbedingungen (AFB) und das AGB-Gesetz", Juni 1984, Hamburger Gesellschaft zur Förderung des Versicherungswesens mbH, Hamburg). So gab es im Jahre 1982 einen Entwurf AFB 82. In der Version Entwurf 4 vom Oktober 1983 finden wir folgende Regelung:
§ 11 Entschädigungsberechnung; Unterversicherung 
......
Restwerte werden angerechnet.
Eine Definition der Restwerte wie in der AFB 30 ist nicht mehr vorhanden.

AFB 87 ff

Mit der AFB 87 wird nachfolgender Paragraph gültig in den Versicherungsbedingungen:
§ 11 Entschädigungsberechnung; Unterversicherung 
......
Restwerte werden angerechnet.

AFB 2010

Allgemeine Bedingungen für die Feuerversicherung  (AFB 2010), Version 01.04.2014 GDV 0100
  • § 8  Umfang der Entschädigung
a) Der Versicherer ersetzt... (Sachschaden, d.A.)
b) Öffentlich-rechtliche Vorschriften .. (Problematik Mehrkosten durch behördliche Wiederherstellungsbeschränkungen, d.A.)
c) Der erzielbare Verkaufspreis von Resten wird bei der Entschädigungsberechnung gemäß a) und b) angerechnet.
und weiter
  • § 10 Sachverständigenverfahren
4. Feststellung Die Feststellungen der Sachverständigen müssen enthalten:
...
c) die Restwerte der vom Schaden betroffenen Sachen;
...

Literatur

Nach Anton Martin, Sachversicherungsrecht (1992), R II 24 sind der Wert der Reste der durch den VN erzielbare Verkaufspreis der Reste:
" Nicht gemeint ist hingegen der Wiederverwendungswert von Resten, bei Gebäuden also der sog. Bauwert der Reste. Soweit Reste nämlich bei der Wiederherstellung wieder verwendet werden und dies die Wiederherstellungskosten vermindert, kommt der Bau- und Wiederverwendungswert der Reste bereits in einem entsprechend niedrigerem Betrag der zu entschädigenden Reparaturkosten zum Ausdruck und kann nicht noch zusätzlich "angerechnet" werden."
Dies hat Martin schon 1992 in seiner dritten Auflage dargestellt. Nicht umsonst ist Martins Sachversicherungsrecht das Vademecum des Sachverständigen.
An dieser Stelle sei ein kleiner Rückblick erlaubt ins Jahr 1858 in die Versicherungsbedingungen der Ostangelschen Haus- und Mobilien-Brandgilde:
§ 7, Satz 1 "Was die Gebäude betrifft, so werden solche taxiert und für ihren vollen Taxationswerth in das Hauptbuch eingetragen und müssen dafür beisteuern, erhalten aber bei Brandschäden nur drei Viertel dieses Werts Entschädigung" und weiter
§ 25. Werthschätzung und Zurückgabe der geretteten Baureste. "Die bei einem Brande geretteten Baureste werden taxiert und dem Schadenleidenden zurückgegeben; der Taxationswerth aber wird ihm von seiner Vergütung abgezogen. ..."
Norbert Reimann. 2014. Schriftenreihe Berliner SchadenSeminar, Band 1, Gesetze der Ostangelschen Haus- und Mobilien-Brandgilde. München : Neobooks.com, 2014. ISBN-13 978-3-7380-0423-6. oder bei Amazon
Es bietet sich an, das, was viele als Restwerte bezeichnen, wie schon im Jahre 1858, als Baureste zu definieren.

Problemdarstellung

Das Problem bei der Schadensermittlung liegt in der Verquickung der AFB 30 mit den neueren AFB´s:
die verwandbaren Reste der AFB 30 werden als Restwerte in der AFB 87ff angerechnet!
Sachverständige äußern häufig, dass sie von Ihren Auftraggebern dazu angehalten werden (ein zu beachtender Punkt bei der Bewertung der Unabhängikeit von Sachverständigen, der aufzeigt, dass Sachverständige im sogenannten Berater- oder Beiratsverfahren -diese Begriffe sind im Versicherungsrecht nicht enthalten- doch eindeutig Parteigutachter sind, was alle Beteiligten auch so kommunizieren sollten.
Die Problematik der Anrechnung der "stehen gebliebenen Restwerte" in der Schadenbewertung soll im nachfolgenden Beispiel dargestellt werden.

Beispielrechnung

Annahmen (Extremberechnung)
Versicherungssumme:             1.000.000 € (für diese Summe ist das Gebäude versichert)
Versicherungswert:                  2.000.000 € (das ist der objektiv festgellte und unstrittige wahre Wert des betreffenden Gebäudes)
Unterversicherung:                  50 % (die Unterversicherung ergibt sich aus dem Verhältnis von Versicherungssumme zum Versicherungswert).
Schaden angenommen:          1.000.000 € (unstrittig festgestellt im Beispiel)
"Restwert" wäre                       1.000.000 € (diese Hälfte ist stehengeblieben und nicht weiter vom Schaden betroffen.

Wenn man diesen "Restwert" von derSchadensumme abzieht (Restwerte werden angerechnet!), bleiben für die Schadenabwicklung noch 0,00 €.
Tatsächlich aber wären es 50 % (wegen der Unterversicherung) von 1 Mio Schaden = 500.000 €

Sach- oder Kostenschaden?

Die veräußerbaren Restwerte sind dem Sachschaden zuzurechnen und nicht dem Kostenschaden.
In der Praxis sind mit der Beseitigung dieser Restwerte die Abrissfirmen beauftragt, die Restwerte werden dann häufig mit den Abrisskosten verechnet.
Beispiel: Restwerte aus verformten, nicht weiter nutzbaren Stahlträgern. Der erzielbare Stahlpreis reduziert die Abbruchkosten.
Diese Methode ist falsch und geht zu Lasten der Versicherungsnehmer: Der Kostenschaden ist auch bei einer Unterversicherung häufig zum ersten Risiko versichert, diese Reduzierung des Kostenschadens liegt daher nicht im Interesse des Versicherungsnehmers.
Wenn aber mit dem erzielbaren Einnahmen -wie versichert- der Sachschaden verkleinert werden kann, ist das im Interesse des unterversicherten Versicherungsnehmers.

Restwerte und Restwertgewinnungskosten

Ein trauriges Kapitel dieser Art von Sachverständigentätigkeiten sind die Restwertgewinnungskosten, ein Begriff, den es im Versicherungsrecht nicht gibt, der aber so verstanden werden kann, dass man einen Aufwand betreiben muss, um Restwerte zu erzielen. In der hier kritisierten Herangehensweise der Schadensberechnung sieht es so aus, dass in der Praxis ja keine wiederverwertbaren Teile vom Schaden verschont bleiben, meist hat man es an diesen Resten mit Verunreinigung von Rauch, Kontaminationen und Löschwasser etc. zu tun. Nun werden die Kosten, die erforderlich sind, dass diese Gebäudeteile (Reste) weiter nutzbar bleiben als Restwertgewinnungskosten die Schadenbilanz belasten.
Hier ist gleich ein doppelter Nachteil für die Versicherungsnehmerseite festzustellen:
  • bei den sogenannten Restwertgewinnungskosten handelt es sich um Aufräumungs- und Abrißkosten etc, die dem Kostenschaden zuzurechnen sind und häufig damit durch Versicherung zum ersten Risiko auch versichert sind.
  • die falsche Zurechnung zu den Restwerten als Abzugsposition zu den Restwerten erhöht den Sachschaden
  • bei einer Unterversicherung erhöht der der eigentliche Kostenschaden, als Restwertgewinnungskosten deklariert, den Sachschaden, die Unterversicherung wird darauf angerechnet. Die Unterversicherungsquote steigt dann sogar noch für den gesamten Sachschaden.
Eine richtige Definition der Restwertgewinnungskosten wären Kosten, die entstehen und den angebotenen Kaufpreis dieser Reste reduzieren, z.B. gilt der Kaufpreis für den Stahlschrott aus dem Beispiel oben frei Betriebshof Schrotthändler. Restwertgewinnungskosten wären nun der Transport des Stahls von der Schadenstelle zum Schrotthändler, der Restwert wird um diese Kosten reduziert.

Einschätzung

Die Frage der Einschätzung der Probleme aus der falschen Restwertbewertung ist für die Zukunft einfach zu beantworten: wenn Sachverständige und Versicherungsregulierer die Vorschriften einhalten, gibt es keine Probleme und keine Ungerchtigkeiten für die Versicherungsnehmer in diesm Punkt.
Eine Einschätzung der Problematik für bereits abgeschlossene und abgerechnete Schäden sollte Juristen vornehmen, die Frage der Haftung und Nachhaftung ist für uns völlig offen. Dabei geht es, was die Schadensummen angeht, nicht um Lapalien, sondern insgesamt um Summen im zweistelligen Millionenbereich (Schätzung für die letzten 10 Jahre).
Betroffene Versicherungsnehmer sollten Ihre Schadensberechnung auf den Punkt "Restwerte" überprüfen bzw. von einem Team geeigneter Juristen und Sachverständige überprüfen lassen.

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